Nils Heiberg, Heilpraktiker & Physiotherapeut Berlin

Warum dein Rücken schmerzt, obwohl die Bandscheibe gesund ist

23. Juni 2026·11 Min. Lesezeit

Bis zu 85 Prozent aller Rückenschmerzen haben keinen bildgebenden Befund. Das MRT zeigt nichts, der Arzt sagt "alles okay", der Schmerz bleibt. Das ist kein Widerspruch. Es ist ein Hinweis, wo die Ursache wirklich liegt.

Du kennst das Bild: Drei Bilder, zwei Spezialisten, ein Zettel mit "minimaler Verschleiß, nicht operationswürdig". Und trotzdem kannst du an schlechten Tagen kaum sitzen. Dann liegt die Ursache meistens nicht im Gewebe. Sie liegt im Nervensystem und in dem, was sich dort seit Monaten oder Jahren angestaut hat.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Mein eigener Bandscheibenvorfall, vor einigen Jahren: Der Chefarzt empfahl Operation. Ich sagte nein. "Ich habe mich trotzdem gegen die Operation entschieden", erkläre ich manchmal, "und habe vertraut auf mich, auf meine Selbstheilungskräfte." Ich behandelte mich mit Körperarbeit, mit Ruhe, mit einem anderen Blick auf das, was mein Rücken mir sagen wollte. Heute bin ich beschwerdefrei. Das ist kein Beweis gegen Operationen. Aber es ist mein Beweis dafür, dass der Körper mehr kann, als die Medizin ihm manchmal zutraut.

Warum sagt der Arzt "alles okay", obwohl der Rücken schmerzt?

Weil das Bild zeigt, was im Gewebe sichtbar ist. Bandscheibenvorfälle. Stenosen. Knochensporns. Entzündungszeichen. Das MRT ist ein exzellentes Werkzeug für das, was es misst.

Was es nicht misst: Nervensystemspannung. Muskeltonus, der aus chronischem Stress kommt. Das Schmerzgedächtnis, das in der Amygdala sitzt und lernt, Alarm zu geben, auch wenn die ursprüngliche Ursache längst nicht mehr da ist. Psychosomatischer Rückenschmerz entsteht nicht im Knochen. Er entsteht im System.

Der Schmerzforscher John Sarno hat das in "Healing Back Pain" eindrücklich beschrieben. Er nannte es Tension Myositis Syndrome: Muskelspannung, die durch psychischen Druck entsteht, echten, messbaren Schmerz verursacht und auf dem Bild unsichtbar bleibt. Seine Patienten heilten häufig, als sie aufhörten, den Körper als Maschine zu behandeln, die repariert werden muss, und anfingen zu verstehen, was er eigentlich mitteilte.

"Wenn der Ellbogen wehtut", sage ich manchmal, "dann muss das jetzt weg. Weil, muss ja funktionieren für meine Arbeit." So denken viele Menschen über ihren Körper. Der Schmerz ist ein Störsignal, das beseitigt werden soll, damit der Betrieb weiterläuft. Was der Körper damit sagen will, interessiert in diesem Modell niemanden.

Das Modell ist das Problem.

Wie entsteht psychosomatischer Rückenschmerz?

Druck im Kopf landet auf den Bandscheiben. Das ist keine Metapher, das ist Physiologie. "Meistens entsteht der Druck auf die Bandscheiben durch zu viel psychischen Druck, der dann auf die Bandscheiben sich überträgt", sage ich und meine damit etwas sehr Konkretes. Im Körper läuft das so ab:

  • Cortisol erhöht dauerhaft die Muskelspannung
  • Adrenalin hält das Nervensystem in Alarmbereitschaft
  • Die Rückenmuskulatur, besonders Psoas und tiefe Stabilisatoren, bleibt dauerhaft angezogen
  • Faszien verkleben, Durchblutung sinkt in den betroffenen Bereichen
  • Nerven werden gereizt. Echter, körperlicher Schmerz entsteht

Wochen. Monate. Jahre. Das Gewebe verändert sich unter dieser Dauerspannung. Mehr zur Rolle der Faszien in diesem Prozess lässt sich im Artikel Faszien verstehen: was Verklebungen wirklich sind nachlesen.

Das Nervensystem lernt dazu. Forscher sprechen von nicht-organischen Schmerzzeichen, den sogenannten Waddell-Zeichen: Schmerzmuster, die sich nicht anatomisch erklären lassen, weil sie keine anatomische Ursache haben. Das Gehirn hat Schmerz gelernt. Es hat sich einen Reflex antrainiert. Manchmal bleibt dieser Reflex, auch wenn die ursprüngliche Stresssituation längst vorbei ist.

Der Körper vergisst nicht so schnell. Das ist keine Schwäche, das ist Schutz. Nur hat der Schutz irgendwann seinen Kontext verloren.

Was sagen verschiedene Wirbelsäulen-Bereiche über unseren Zustand?

Ich sage das immer als Beobachtung, nicht als Diagnose. Aber nach fünfzehn Jahren Praxis habe ich es so oft gesehen, dass ich es nicht mehr ignorieren kann.

WirbelsäulenbereichHäufige psychische Themen
HalswirbelsäuleMobbing, anhaltender sozialer Stress, das Gefühl einer Last, die man nicht loswird
BrustwirbelsäuleTrauer, Verluste, unausgesprochene Beziehungsthemen
LendenwirbelsäuleGeldthemen, Existenzangst, Urängste

Das ist kein esoterisches System. Es ist eine klinische Beobachtung, die sich mit dem deckt, was die psychosomatische Medizin seit Jahrzehnten beschreibt: Bestimmte emotionale Themen haben Leibgedächtnis an bestimmten Körperstellen.

2018 kam ein Mann zu mir, Ende vierzig, Softwareentwickler aus Berlin-Mitte. Drei MRTs in zwei Jahren. Orthopäde, Neurologe, Schmerztherapeut. Alle sagten dasselbe: minimaler Verschleiß für sein Alter, nichts Operationswürdiges. Trotzdem konnte er an schlechten Tagen kaum sitzen. Beim zweiten Termin fragte ich ihn, ob er in dieser Zeit etwas hatte, das nicht aufgehört hatte, auch wenn er versuchte, nicht daran zu denken. Er schaute mich kurz an. Dann: ein Unternehmenskonflikt, der seit zwei Jahren schleppte. Geldthemen. Existenzielle Unsicherheit. Genau ab diesem Zeitpunkt hatte sein Rücken angefangen zu sprechen. Lendenwirbelsäule. Chronisch. Zufall schließe ich in dieser Häufung aus.

Ich erwähne diese Zusammenhänge meinen Patienten gegenüber behutsam. Nicht jeder ist bereit, diesen Blickwinkel sofort einzunehmen. Aber meistens nickt jemand, wenn ich frage, ob im fraglichen Zeitraum etwas war. Und dann kommt die Geschichte, die schon die ganze Zeit da war.

Welche Rolle spielt die Physiotherapie, und wo sind ihre Grenzen?

Physiotherapie hilft. Manuelle Arbeit löst Verspannungen. Bewegung verbessert die Durchblutung. Gezielte Übungen stärken die Stabilisatoren, die den Rücken entlasten. Das ist real und oft notwendig.

Aber ich sehe es regelmäßig: Jemand kommt wöchentlich. Fühlt sich nach der Behandlung besser. Drei Tage später ist alles wieder da. Dieselbe Stelle, dieselbe Intensität, dasselbe Muster.

Das ist ein Zeichen: Das Symptom wird behandelt. Die Ursache nicht. Solange die Stresssituation, das ungelöste Thema, das chronische Nervensystem-Muster weiterläuft, wird die Muskulatur immer wieder zurückspringen. Wir können genauso gut einen Brunnen trockenputzen.

Das sage ich meinen Patienten offen. Es gehört zu meiner Aufgabe: nicht nur die Hände anlegen, sondern benennen, wenn das Symptom einen Sinn hat, den es zu verstehen gilt. Warum Körperpsychotherapie in solchen Momenten der sinnvollere nächste Schritt sein kann, beschreibe ich ausführlich im Artikel Was ist Körperpsychotherapie?

Physiotherapie und Körperpsychotherapie schließen einander nicht aus. Sie arbeiten auf verschiedenen Ebenen desselben Menschen. Ich versuche beides in einer Person zu verbinden, weil ich erlebe, wie viel dabei entsteht, wenn die Ebenen sich berühren.

Was passiert, wenn man nur das Symptom behandelt?

Der Schmerz wandert. Das beobachte ich immer wieder in meiner Praxis. Der Rücken wird ruhig, dafür beginnt der Nacken. Der Nacken wird besser, Kopfschmerzen entstehen. Manchmal verschiebt es sich in andere Körpersysteme: Magen, Schlaf, Herzrasen, Hautprobleme. Der Körper ist kreativ, wenn er nicht gehört wird.

"Der Körper wird so behandelt, als ob du eine Maschine bist und einfach nur funktionierst." Das ist das eigentliche Problem. Das Grundmodell, das den Körper als Mechanismus begreift, dessen defekte Teile isoliert repariert werden, ohne zu fragen, was das System als Ganzes gerade versucht mitzuteilen.

Chronischer Schmerz ohne Befund ist meistens eine Botschaft. Wenn die Botschaft nicht gehört wird, wird sie lauter. Das ist keine poetische Umschreibung. Das ist, was ich täglich beobachte.

Ich romanisiere Schmerz nicht. Ich weiß, wie zermürbend er ist. Den Tunnelblick, wenn man morgens aufsteht und zuerst spürt, wie es heute ist. Die Planung um den Schmerz herum, die langsam das ganze Leben übernimmt. Aber ich habe genug Menschen begleitet, um zu wissen: Wer anfängt hinzuhören statt zu bekämpfen, macht einen anderen Weg. Was das konkret bedeuten kann, beschreibe ich im Artikel Trauma sitzt im Körper.

Wann unbedingt zum Arzt: Rote Flaggen beim Rückenschmerz

Psychosomatik ist kein Freifahrtschein, um organische Ursachen zu übersehen. Es gibt Symptome, die sofort abgeklärt werden müssen:

  • Taubheitsgefühle oder Kribbeln in Beinen oder Armen
  • Muskelschwäche in den Beinen
  • Ausstrahlende Schmerzen bis in Fuß oder Hand
  • Blasen- oder Darmprobleme (Inkontinenz oder Harnverhalt)
  • Schmerzen nach einem Unfall oder Sturz
  • Starke Schmerzen, die auch in Ruhe und nachts nicht nachlassen
  • Fieber zusammen mit Rückenschmerzen

Erst wenn diese Ursachen ausgeschlossen sind, lohnt sich der Blick auf das, was der Rücken auf einer anderen Ebene mitteilt. Die Reihenfolge ist wichtig. Ich sage das, obwohl ich selbst keine Operation gemacht habe. Es gibt Fälle, in denen sie notwendig ist.

Welcher Ansatz hilft wirklich bei Rückenschmerzen ohne Befund?

Es gibt keinen einzelnen. Wer das verspricht, lügt.

Was ich empfehle, ist eine Abfolge. Organische Ursachen ausschließen, dann den Blick erweitern. Den Rücken nicht als kaputtes Teil behandeln, das repariert werden muss, sondern fragen, was er mitteilen will.

Physiotherapie für das Gewebe. Körperpsychotherapie für das Muster dahinter. Und manchmal als erstes, noch vor allem anderen: eine Veränderung im Alltag, die die Grundlast senkt.

"Da sehe ich meine Aufgabe und meine Kompetenz, den Leuten zu sagen: shanti shanti, mach mal langsam." Das meine ich wörtlich. Manchmal ist die direkteste Intervention nicht die Behandlung. Manchmal ist es die Erlaubnis, weniger zu müssen. "Lass dich mal länger krank schreiben", sage ich manchmal zu Patienten, "ist ein häufiger Spruch von mir." Weil wir alle dazu neigen, Pause für Schwäche zu halten.

Im akuten Fall, wenn ein Bandscheibenvorfall frisch und sehr schmerzhaft ist, hilft Wärme oft gut. Und echte Ruhe, nicht Bewegungslosigkeit für Wochen, aber Raum für den Körper, um sich zu sammeln. Sanfte Bewegung, sobald sie möglich ist.

Langfristig braucht ein Rücken, der sich dauernd meldet, zwei Dinge gleichzeitig: Gewebe, das sich bewegen kann, und ein Nervensystem, das nicht permanent Alarm schlägt. An beidem lässt sich arbeiten. Aber man muss wissen, wo man gerade steht, und bereit sein, auch dorthin zu schauen, wo es unbequemer ist als das Röntgenbild.

"Man muss dem Prozess vertrauen, dass das, was passiert, immer das Richtige ist." Das sage ich nicht als Vertröstung. Das sage ich, weil ich es bei mir selbst erlebt habe, und weil ich es bei Menschen beobachte, die anfangen, ihrem Körper zuzuhören, statt gegen ihn zu kämpfen.

Was dein Rücken sagen will, weiß er selbst am besten. Die Frage ist, wer dabei ist, wenn er spricht.

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Die Inhalte dieses Artikels dienen der allgemeinen Information und Wissensvermittlung. Sie ersetzen keine individuelle ärztliche oder heilpraktische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich an einen Arzt oder Heilpraktiker deines Vertrauens. Individuelle Ergebnisse können stark variieren.

Das fragen Menschen am häufigsten

Warum findet das MRT nichts, obwohl der Rücken schmerzt?

Das MRT zeigt Gewebe: Bandscheiben, Knochen, Nerven. Psychosomatischer Rückenschmerz entsteht aber nicht im Gewebe, sondern im Nervensystem. Chronischer Stress erhöht dauerhaft die Cortisol- und Adrenalinspiegel, die Muskulatur bleibt angespannt, die Schmerzwahrnehmung wird hochreguliert. Das ist auf keinem Bild zu sehen. Deshalb sagt der Arzt 'alles okay', und trotzdem tut es weh. Beides ist wahr gleichzeitig.

Ist psychosomatischer Schmerz weniger real als körperlicher?

Nein. Schmerz ist immer ein Gehirnsignal, egal was seine Ursache ist. Psychosomatischer Rückenschmerz ist physiologisch messbar: Muskeln sind tatsächlich verspannt, Entzündungsmarker können erhöht sein, das Nervensystem ist tatsächlich überreizt. Der Ursprung liegt nur nicht im Gewebe, das man auf dem Bild sieht. Wer jemandem sagt 'der Schmerz ist nur eingebildet', versteht weder Schmerz noch Psychosomatik.

Wann sollte ich trotzdem zum Arzt?

Immer bei neuen, starken Rückenschmerzen mit Ausstrahlungen in Beine oder Arme, bei Taubheitsgefühlen, Schwäche in den Beinen, Blasen- oder Darmproblemen oder nach einem Unfall. Diese Symptome müssen zuerst abgeklärt werden. Erst wenn organische Ursachen ausgeschlossen sind, lohnt sich der Blick auf psychosomatische Zusammenhänge. Das schließt einander nicht aus, aber die Reihenfolge ist wichtig.

Hilft Physiotherapie bei psychosomatischen Rückenschmerzen?

Ja, aber mit Einschränkungen. Physiotherapie hilft, Muskeln zu lösen, Beweglichkeit zu verbessern und das Körperbewusstsein zu schärfen. Das ist wertvoll. Was sie allein nicht erreicht: die psychische Ursache hinter dem Muster. Wer jede Woche kommt, sich gut fühlt und nach drei Tagen wieder verspannt ist, braucht wahrscheinlich mehr als manuelle Behandlung. Das sage ich meinen Patienten offen.

Wie lange dauert es bis psychosomatischer Rücken besser wird?

Das hängt davon ab, wie lange das Muster schon besteht und wie tief es sitzt. Erste Erleichterung kommt oft schneller als erwartet, wenn jemand versteht, was dahinter steckt. Nachhaltige Veränderung braucht Zeit: in der Regel einige Monate, manchmal länger. Der größte Unterschied entsteht, wenn jemand aufhört, gegen den Schmerz zu kämpfen, und anfängt hinzuhören, was er sagen will.

Wenn dein Rücken Dinge sagt, die der Arzt nicht liest

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